Eleanor schritt die Treppe hinab, und die Menge teilte sich vor ihr wie das Meer. Die Männer, die Adrian noch vor wenigen Minuten ehrfürchtig gegrüßt hatten, wandten ihm nun demonstrativ den Rücken zu. In der Hierarchie der Unterwelt gab es keine Loyalität zu Namen – nur zu demjenigen, der das Geld kontrollierte.
Adrian stand da, unfähig sich zu bewegen, während Marissa an seinem Arm sichtlich zitterte. Ihr glanzvolles Lächeln war einer nackten, hässlichen Panik gewichen. Sie hatte geglaubt, einen König zu verführen, und begriff erst jetzt, dass sie sich an einen Bettler geklammert hatte.
Eleanor passierte Adrian, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Ihr Parfüm – eine Note von Jasmin und kaltem Leder – streifte sein Gesicht wie eine Erinnerung an alles, was er gerade verspielt hatte. Sie nahm den zentralen Stuhl am Kopfende des Hufeisentisches ein. Der Anwalt legte die Ledermappen vor ihr ab.
Sofort setzten sich die sieben Familienoberhäupter. Plötzlich bewegte sich auch das Personal wieder. Die Kerzen schienen heller zu brennen, das Essen wurde serviert. Das System funktionierte wieder, weil die wahre Herrscherin ihren Platz eingenommen hatte.
„Eleanor!“, brachte Adrian schließlich heraus, seine Stimme klang brüchig, als er an den Tisch trat. „Was soll dieses Theater? Wir haben eine Abmachung. Mein Vater—_“
„Dein Vater hat diese Allianz mit dem Geld meiner Familie gerettet, Adrian“, unterbrach ihn Eleanor. Ihre Stimme war nicht laut, aber sie besaß die schneidende Schärfe eines Skalpells. „Du hast von Würde und Schein gewahrt gesprochen. Du dachtest, ich würde stillschweigend im Hintergrund verblassen, während du das Erbe meines Schwiegervaters für billigen Applaus und eine blonde Trophäe verschleuderst.“
Sie öffnete die erste Mappe. Ihr Blick glitt über die Dokumente.
„Da du die Scheidung wolltest, habe ich die Klauseln der Wolfe-Stiftung aktiviert“, fuhr sie fort und setzte mit einem goldenen Füllfederhalter ihre Unterschrift unter das erste Blatt. „Klausel Neun: Bei ehewidrigem Verhalten oder Rufmord an der Betreiberfamilie erlischt jeglicher Anspruch des Ehepartners auf das Treuhandvermögen. Du bist ab morgen nicht mehr der CEO von Wolfe Construction. Du besitzt nicht einmal mehr das Auto, mit dem du hergefahren bist.“
Ein Raunen ging durch den Saal. Carmine Bellucci grinste kalt.
„Das kannst du nicht tun!“, schrie Adrian, und sein Stolz zerbrach vor den Augen aller Anwesenden. „Ich bin ein Wolfe!“
Eleanor sah endlich auf. Ihre dunklen Augen waren absolut leer.
„Ein Name ist nur so viel wert wie das Versprechen dahinter, Adrian. Du hast keines gehalten.“ Sie wandte sich an den Anwalt. „Lassen Sie Mr. Wolfe und seinen Gast von der Security nach draußen begleiten. Sie stehen nicht auf der Gästeliste des Atlantik-Pakts.“
Zwei riesige Männer in dunklen Anzügen tauchten hinter Adrian auf. Es gab keinen Kampf. Nur die totale, endgültige Demütigung, als Adrian und Marissa unter den verächtlichen Blicken der mächtigsten Männer der Stadt aus dem Saal geführt wurden.
Sechs Monate später.
Der Wind am Hafen von Baltimore war eisig, aber Eleanor spürte ihn kaum unter ihrem schweren Kaschmirmantel. Sie stand auf der Aussichtsplattform des neuen Wolfe-Logistikzentrums und blickte auf die einlaufenden Frachter.
Ihr Telefon summte. Eine Nachricht von ihrem Anwalt. Die Scheidung war durch. Adrian hatte versucht, die Stiftung vor Gericht anzufechten, und war kläglich gescheitert. Seine Kreditkarten waren gesperrt, seine Villen gepfändet. Er lebte nun in einer kleinen Mietwohnung am Stadtrand und arbeitete als Angestellter in einer Sicherheitsfirma – ironischerweise einer Tochtergesellschaft, die jetzt Eleanor gehörte. Marissa hatte ihn verlassen, noch bevor der erste Gerichtstermin angesetzt war.
Eleanor steckte das Telefon weg und lächelte leicht. Adrian hatte recht gehabt: Der Zeitpunkt war in der Tat seine Sorge gewesen. Er hatte nur nicht begriffen, dass es der Zeitpunkt seines eigenen Untergangs war.
THE END
