Der Preis der Müdigkeit

Roman Vale trat so nah an die Theke, dass Harper seinen Atem spüren konnte. Er griff in seine Innentasche, und für einen schrecklichen Moment dachte sie, das wäre es jetzt. Stattdessen zog er eine dicke Rolle Geldscheine heraus, schälte einen Hunderter ab und legte ihn auf das Holz.

„Für den schlechten Service“, sagte er leise.

„Behalten Sie Ihr Geld“, erwiderte Harper, die Arme fest vor der Brust verschränkt. „Ich nehme kein Schmiergeld fürs Atmen.“

Roman starrte sie an, die grauen Augen unlesbar. Dann schüttelte er langsam den Kopf, und genau in diesem Moment passierte es.

Die Tür des Diners flog mit solcher Wucht auf, dass die Glocke aggressiv schepperte. Ein Mann stürmte herein, das Gesicht von einer Skimaske verdeckt, eine schwere Schrotflinte im Anschlag. Er zielte nicht auf die Kasse. Er zielte direkt auf Romans Rücken.

„Vale!“, schrie der Angreifer.

Alles geschah in einer Zehntelsekunde. Romans Wachen griffen nach ihren Waffen, doch sie waren zu weit weg. Harper handelte rein instinktiv, getrieben von der puren, panischen Erschöpfung der letzten zehn Stunden. Sie griff nach der schweren, gläsernen Kaffeekanne auf der Heizplatte – der kochend heiße, dicke Bodensatz war noch darin.

Mit einer fließenden Bewegung schwang sie die Kanne über die Theke. Sie zielte auf den Angreifer, doch Roman drehte sich genau in diesem Moment um, um die Kugel abzufangen.

Krach.

Die schwere Glaskanne traf nicht den Schützen. Sie traf Roman Vale mit voller Wucht an der Schläfe. Das Glas zersplitterte. Heißer Kaffee und Blut spritzten auf das Linoleum. Der mächtigste Mann von South Boston ging ungebremst zu Boden, flach ausgestreckt auf dem karierten Boden, den Harper gerade gewischt hatte.

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Der Angreifer erstarrte vor Schreck. Die beiden Wachen nutzten die Sekunde der Verwirrung. Zwei gedämpfte Schüsse peitschten durch das Diner. Der maskierte Mann brach in der Tür zusammen.

Stille. Nur das Summen des Kühlschranks war zu hören.

Harper stand da, die abgebrochene Glasscherbe noch in der Hand, das Herz im Hals. Sie starrte hinab auf Roman. Blut sickerte aus einer Platzwunde an seinem Mund.

Ich habe gerade einen Mafia-Boss umgebracht.

Die beiden Riesen von Leibwächtern drehten sich langsam zu ihr um. Ihre Gesichter waren maskenhaft, ihre Augen kalt. Ihre Hände wanderten zurück in die Mäntel. Harper schloss die Augen und wartete auf den Schuss. Liam würde sein College nicht beenden können.

Doch dann durchbrach ein Geräusch die Stille.

Ein Husten. Und dann… ein Lachen.

Roman Vale lag da, eine Wange auf dem klebrigen Boden, und lachte. Es war ein tiefes, ehrliches Lachen, das Blut auf seinen Zähnen sichtbar machte. Er blickte zu ihr hoch, die grauen Augen funkelten vor einer Belustigung, die an Wahnsinn grenzte.

„Du hast mich verfehlt“, krächzte er und stützte sich mühsam auf einen Ellbogen. Er blickte zu seinen Männern auf, die verwirrt innehielten. „Steckt die Waffen weg. Sie hat mir das Leben gerettet, du Idioten. Wenn sie mich nicht umgeworfen hätte, hätte die Schrotflinte meinen Kopf weggeblasen.“

Roman wischte sich das Blut von der Lippe und stand langsam auf. Er schwankte leicht, verlor aber keine Sekunde seine mörderische Eleganz. Er sah Harper an, die immer noch zitternd dasitzende Kellnerin in der rosa Polyester-Uniform.

Er trat an die Theke, ignorierte die Leiche an der Tür und legte die gesamte Rolle Geldscheine auf den Tresen. Es waren Tausende von Dollar. Genug für Liams Studiengebühren. Genug, um dieses Diner nie wieder betreten zu müssen.

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„Morgen um zwei Uhr erwarte ich dich in meinem Büro am Hafen, Harper“, sagte Roman, und seine Stimme duldete keinen Widerspruch. „Ich brauche Leute, die keine Angst vor mir haben. Und Leute, die verdammt gut zielen.“

Er drehte sich um und ging, gefolgt von seinen Männern, die die Leiche lautlos mitschleiften. Die Tür schloss sich. Die Glocke bimmelte ein letztes Mal.

Harper starrte auf das Geld. Das Blut auf dem Boden spiegelte das rote Neonlicht des Schildes draußen wider. Sie wusste, dass sie gerade einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte. Aber als sie das Geld an sich nahm, schmeckte die Angst plötzlich nicht mehr nach Fehlentscheidungen. Sie schmeckte nach Freiheit.

THE END

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